Letta on the rocks (2009)

 

Schon lange hegten Franz und Volker einen Traum, den sie in diesem Jahr endlich verwirklichen wollten: Mit alten Rollern eine Tour ins Gebirge zu unternehmen. Die Wahl der Roller war schnell getroffen, denn die Maicoletta schien wegen ihrer Leistungsfähigkeit, Straßenlage und Ergonomie für so eine Tour am tauglichsten. Einzig die geringe Schräglagenfreiheit sollte sich fahrtechnisch in den Pässen noch als nachteilig herausstellen.



Anfang Juli war es dann soweit. Die beiden Rollerfreunde starteten im schwäbischen Metzingen und rollerten über Lindau und Bregenz am Bodensee zur Silvretta-Hochalpenstraße. Hier trafen sie auf einige österreichische Motorrad-Kenner, die in der Marke Maico sofort einen japanischen Hersteller erkannten und sich wunderten, wie die alten Roller denn nach Europa kamen. Hier musste also erst mal etwas Aufklärungsarbeit über die württembergische Zwierad-Schmiede geleistet werden.

Tags darauf stand dann zuerst der Reschenpass auf dem Programm. Allerdings sollte dieser Punkt mit einer Entäuschung verbunden sein: Am Reschensee hatte jemand den Stöpsel gezogen und so stand der berühmte Kirchturm wegen Sanierungsarbeiten auf dem Trockenen.

Also weiter zum Stilfser Joch, dem höchsten Pass der Reise. Als Fahrer einer modernen Enduro sollte es einem schon zu denken geben, wenn man in diesen Serpentinen von zwei 50er-Jahre-Büchsen überholt wird... Auf 2758 Metern angekommen trafen die Maico-Piloten auf 2 Vespa-Freunde. Es stellte sich heraus, daß die beiden Italiener die „Hobby-Freizeit-Piste“ über Bormio wählten. Wer etwas auf sich und sein Fahrzeug hält greift den Passo dello Stelvio natürlich über die Nordostrampe an und dementsprechend beeindruckt zeigten sich die italienischen Rollerfreunde. Am darauffolgenden Umbrail-Pass, der teilweise noch aus Naturstraße besteht, fühlten sich Franz und Volker um 50 Jahre zurück versetzt. Genau so mussten sich die von Fernweh geplagten Deutschen fortbewegen, als sie zum ersten Mal mit dem Roller ins sonnige Italien fuhren. Die Tour führte dann weiter über Meran, Bozen, durch das Eggental und über den Karerpass.

Am Montag gab es eine große Ernüchterung: Es hatte sich Dauerregen eingestellt. Also kam Plan B für schlechtes Wetter zum Einsatz: Ein Abstecher nach Venedig. Wegen eines „technischen Halts“ blieben die beiden allerdings in Treviso hängen und erreichten deshalb erst am Dienstag die Lagunenstadt. Im Gegensatz zum Gebirge war es hier brütend heiß. Trotzdem ließen es sich die Freunde natürlich nicht nehmen, die Stadt zu erkunden. Markusplatz und Rialto-Brücke muß man ja mal gesehen haben. Nach einem heftigen Gewitter – beinahe hätte man Venezia in Atlantis umtaufen können – machten sie sich wieder auf den Weg in Richtung Dolomiten und quartierten sich dort bei Franzens liebem Cousinchen ein.

Trotz weiterer Verwandtschafts-Aktivitäten stand der Mittwoch voll und ganz im Zeichen der Dolomiten-Pässe. Passo Pordoi, Grödner Joch, Sellajoch, Campolongo, Falzarego, Valparola, Tre Croci und Giau gestalteten den Tag kurzweilig. Es war sehr beeindruckend, die Roller durch diese herrliche Landschaft über kurvenreiche Straßen an gigantischen Felsmassiven vorbei zu steuern. Nur wer das selbst schon erlebt hat kann dieses Erlebnis nachvollziehen. Ein spezielles Erlebnis stellten einige Tunnels dar, die so dunkel waren, daß die Maicolettisten praktisch im Blindflug nur das Licht am Ende des Tunnels anpeilen konnten. Abends bei der obligatorischen Pizza klingelte Volkers Handy. Es war Christoph, der gerade mit Kordula auf dem Weg an den Gardasee war und bei dieser Gelegenheit Volker zu Hause besuchen wollte. Ging ja leider nicht, aber durch diesen Anruf angeregt schmiedeten Franz und Volker Plan C: Zum Lago di Garda war es ja gar nicht so weit und die für Donnerstag geplante Großglockner-Hochalpenstraße könnte man ja auch noch in einem anderen Jahr in Angriff nehmen.

Die Fahrt an den Gardasee war aber doch langwieriger als gedacht, auf der Karte sah das viel näher aus. Jedoch machten der landschaftliche Reiz des Sees sowie der herzliche Empfang von Christoph und Kordula das locker wieder wett.

Leider war die Zeit viel zu knapp bemessen, denn die Letta-Freunde wollten am selben Tag noch zurück nach Meran fahren. Dort gerieten sie mitten in die „Südtirol Classic“, eine Veranstaltung hauptsächlich für hochkarätige Oldtimer. Bei der Bevölkerung fielen die Roller zwischen den Boliden wohltuend auf.

Der letzte Tag der Reise war nun angebrochen. Als erste Etappe war das Timmelsjoch geplant. Dort genehmigten sich die beiden zum Aufwärmen einen heißen Cappuccino, während sich die Motoren abkühlten. Über den Fernpass erreichten Franz und Volker das Allgäu, wo es noch kälter und windiger war als auf den höchsten Pässen. Mit ständigem Gegenwind kämpften sie sich über die schwäbische Alb bis Metzingen durch. Volkers Tacho zeigte nun genau 2097 Km mehr an als noch eine Woche zuvor.

Daß eine solche Tour unter diesen Extrem-Bedingungen nicht problemlos vonstatten geht dürfte klar sein. Pässe fräsen und Autobahn-Hatz gingen nicht spurlos an den Rollern vorbei. Aber sämtliche Defekte wie gerissener Gaszug, Fehlzündungen wegen durchgescheuerter Kabel, defekte Zündkerzen und fehlende Ladespannung konnten unterwegs lokalisiert und behoben werden.

So lässt sich abschließend sagen, daß die Maicoletta mit etwas Fachwissen des Fahrers auch heute noch als Reiseroller taugt. Franz und Volker blicken jedenfalls auf eine Woche mit vielen schönen Erlebnissen zurück. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein!

 

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